Area et Labor - Beet und Arbeit
Newsletter Nr. 103 – Gnadenlos Deutsch
Prokrastination als Gartenabfall getarnt
Gartenarbeit gilt bis heute als unverdächtig im Hinblick auf ihre ethische Kompatibilität mit den Grundwerten der postmodernen Gesellschaft. Entschleunigend, aber dennoch leistungsorientiert. Schließlich wird ja irgendetwas geerntet. Und wenn es nicht Obst oder Gemüse sind, dann zumindest der Ausblick auf eine domestizierte Natur und das Gefühl, etwas geschafft zu haben.
Die Autosuggestion dieser vorgeblichen Erdung endet nicht in einer Erfahrung von Natur, sondern im Herumwühlen, Zurechtschneiden, Umtopfen, Bewässern. Das sichtbare Resultat dieser Tätigkeit, deren stumpfe Materialität geistige Anstrengung verdrängt, in Form vollendeter Beete und Bürstenschnitte ist naturgemäß weniger Ausdruck gesunder Natürlichkeit, sondern die Projektion eines inneren Dranges der Humuskuratorinnen und Hortikulturarbeiter nach Ordnung, Disziplin und Dominanz. Wenn schon die Welt in Chaos und Krise versinkt, muss wenigstens die eigene Parzelle in einen Zustand niedriger Entropie gezwungen werden.
Es lebe das Gartriarchat!
Gartenarbeit simuliert Produktivität mit haptischer Präzision. Das Gehirn ist ein leichtgläubiges Organ, bedient zuverlässig sein primitives Belohnungssystem und schüttet brav seine Dividende aus: Wer Doronicum, Serratula, Oxycoccus und Endymion sät, wird Dopamin, Serotonin, Oxytocin und Endorphine ernten. Was hätte man in der Zeit nicht alles Anständiges an diesem Gehirn vorbeiscrollen können?
Der kognitive Anreiz der Gartenarbeit ist bescheiden. Vieles dreht sich dabei um die Identifizierung von künftigem Gartenabfall, der den Zustand der angestrebten Ordnung stört. Das gleiche Gras, das nach der Mahd zum Müll wird, schiebt aus der Erde nach, nur um oberhalb der geduldeten Körpergröße neuerlich zur Guillotine geführt zu werden. Es wird geschnitten, gejätet, entsorgt. Dann beginnt der Zyklus von neuem.
Sisyphus zwanglos
Der Garten ist die perfekte Ausrede. Er wartet immer. Es gibt immer etwas zu tun. Ein Perpetuum Mobile der Ablenkung, das sich selbst regeneriert und dabei noch biologisch abbaubar ist. Außerdem kann man Paradeiser ernten, deren Preis nach den üblichen betriebswirtschaftlichen Maßstäben natürlich jenseits von Gut, Böse und Erewhon läge.
Und steckt dabei etwa ein gerüttelt Maß Selbsterhöhung drin? Besonders verdächtig ist nämlich die moralische Aura, die das Gärtnern umgibt. Man leidet, kniet im Dreck, die Knie schmerzen, die Sonne brennt, der Wind brennt, der Regen ist sauer. Das ist kein Vergnügen, auch keine Arbeit, es ist ein Opfer, ein Dienst am Planeten, an einer Natur, die man nicht einfach sein lässt, sondern in kontrollierte Formen zwingt. Energie und Aufmerksamkeit wird im Humus gebunden, der Geist abgeschaltet. Es handelt sich im organisiertes Nicht-Denken verkleidet als Achtsamkeit, Selfcare und Naturverbundenheit. Der Geist liegt brach, die Beete nicht.
PS: Ich habe noch einige Gläser selbstgemachte Quittenmarmelade abzugeben.
Helmut Ortner “Gnadenlos Deutsch”
Am 9. April liest Helmut Ortner aus seinem neuen Buch “Gnadenlos Deutsch. Täter, Helfer, Zuschauer - und die Entsorgung der NS-Zeit” im Festsaal der Bezirksvorstehung Rudolfsheim-Fünfhaus, Rosinagasse 4, 1150 Wien
Eintritt frei



